Die Wespenspinne

Meine Frau kann Spinnen nicht ausstehen. In der Liste ihrer Albträume kommen Spinnen noch vor Jürgen Trittin. Ich bin da ein wenig belastbarer, obwohl mir die Viecher ab einer gewissen Größe auch nicht ganz geheuer sind, wenn sie so über den Kellerboden huschen.

An einem schönen Samstagabend im Spätsommer, es fing schon an zu dämmern, habe ich im Garten an der Garagenwand eine Spinne entdeckt, ein faszinierendes Wunderwerk der Natur. Eine Spinne, so groß und so schön, wie ich sie in unseren Breiten noch nie gesehen habe, mit schwarz-gelb gemusterten Beinen wie die Ringelstutzen von Borussia Dortmund; dazu einen schwarz-gelb gemusterten Rücken, als ob sie am Vorabend der Wahl Reklame für eine neue Koalition in Berlin laufen wollten. Ich war hingerissen.

Am anderen Morgen hing genau an der Stelle, wo die Spinne am Abend zuvor gesessen hatte, ein Kokon, etwa 2 cm groß, wie ein Wattebäuschchen. Nun wollte ich es genau wissen und habe gegoogled, bis ich sie gefunden hatte:

Die Wespenspinne Argiope bruennichi“

Ich erfuhr einiges über die Lebensweise und dann las ich zu meinem Entsetzen:

„….Das Männchen nähert sich zur Paarung dem auf dem Stabiliment (das ist das Gespinstband im Netz) sitzenden Weibchen mit zuckenden Bewegungen. Das Weibchen verhält sich absolut passiv, hebt lediglich den Körper etwas an, so dass das Männchen in diesen Zwischenraum kriechen kann. Es führt dann sogleich am Bauch des Weibchens die Taster ein. Noch während der Vereinigung erwacht das Weibchen aus seiner Passivität und tötet und verzehrt das Männchen…..“

 Was für ein Schock. Allein schon die Tatsache, dass das Weibchen das Männchen umbringt, finde ich nicht in Ordnung. Vor allem aber scheint mir der Zeitpunkt besonders unglücklich gewählt.

Tiefes Mitgefühl mit dem wohl erst kürzlich dahingeschiedenen Wespenspinnenmännchen übermannte mich. Gnadenlos raffen diese Weibchen die Edelsten ihrer Art dahin und entschuldigen sich vermutlich mit ihren Genen. Und dann nennen sie sich auch noch „Schwarze Witwen“, so als ob sie dem Männchen eine Träne nachweinen würden, das sie gerade hingemeuchelt haben. Mörderinnen!

Schlagartig wurde mir das ganze Elend unseres Geschlechtes klar. Unser gesamtes Männerdasein scheint im Wesentlichen bestimmt zu sein durch das Hinarbeiten auf jenes eine Ziel, sie wissen schon. Die Weibchen versuchen uns zu umgarnen, um unseren blinden Eifer noch ein wenig anzufeuern. Gnädig lassen sie uns gewähren, bis…… Biss.

Plötzlich wusste ich auch, warum man besonders prachtvolle Exemplare der Damenwelt „männermordend“ nennt. Seit Jahrhunderten sitzen sie scheinbar unschuldig an ihrem Spinnrad und tun so, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten. Und wenn wir uns in ihrem Netz verfangen haben….

Abgründe der Natur taten sich vor mir auf. Und diesem heimtückischen Geschlecht haben wir auch noch das Wahlrecht gegeben. Man sieht ja, wo das hingeführt hat.

Unsere Sprache scheint da von ganz anderer Weitsicht zu sein. Die Könige der Tierwelt – der Löwe und der Adler z.B. – sind maskulinen Geschlechts. Die eher harmlosen Naturschönheiten – das Reh oder das Rotkehlchen – sind Neutrum. Aber die fiesesten Viecher auf Gottes Erdboden – die Kakerlake oder eben die Spinne – sind feminin. Die Weisheit unserer Urväter, die unsere Sprache geschöpft haben, wurde mir klar. Sie haben die Substantive stets mit dem richtigen Geschlecht versehen.

Wie gelähmt saß ich vor meinem PC und starrte auf den Bildschirm:

„Noch während der Vereinigung erwacht das Weibchen aus seiner Passivität und tötet und verzehrt das Männchen….“

Plötzlich rief mich meine Frau. Angst kroch in mir hoch. Sie wird doch wohl nicht….? Schon wollte ich um Hilfe schreien, doch ich besann mich. Mir fiel ein, dass meine Frau mit den Spinnen wirklich nichts am Hut hat und dass sie den feministischen Spinnerinnen spinnefeind ist. Beruhigt ging ich zu ihr, und es wurde ein schöner Nachmittag.

Derweil schlummern im Wespenspinnenkokon an meiner Garagenwand die armen Wespenspinnenmännchen ihrer mörderischen Zukunft entgegen.

Es ist ein Jammer.

 

Advertisements